Das Glück am Ende der Wüste
Gedanken und Texte -

Ein Geschäftsmann kam zu dem Alten der Wüste und klagte, sein Geschäft ginge immer schlechter, obwohl er Tag und Nacht dafür arbeite. Er könne sogar kaum noch schlafen aus Angst, bankrott zu gehen.

Der Alte schaute eine Weile versonnen in die Weite und sprach dann:

„Vor genau einem Jahr kam ein Adler hier vorbei, der sehr erschöpft aussah. Er hatte sich vorgenommen, durch die ganze Wüste zu laufen, denn er hatte gehört, dass am anderen Ende der Wüste das Glück auf ihn warte. Ich wunderte mich sehr und fragte ihn, warum er denn so mühsam laufe, wo er doch Flügel habe und fliegen könnte. Etwas ärgerlich sah der Adler auf seine Flügel hinab und sagte, er wisse nicht, was fliegen sei. In dem Land, aus dem er komme, würden alle Adler laufen und niemand habe je behauptet, man könne diese nutzlosen Dinger für irgendetwas gebrauchen. Er habe jetzt auch keine Zeit mehr, über solche Dinge nachzudenken, denn er müsse schließlich noch sehr weit laufen. Und so lief er weiter seines Weges, und wer weiß, ob er inzwischen dort angekommen ist, wonach er sich sehnt.“

„Eine nette Geschichte“, sagte der Geschäftsmann ungeduldig, „aber was soll ich damit anfangen? Ich will von dir doch wissen, wie ich glücklicher und erfolgreicher werden kann!“

Der Alte blickte ihn sanft an und zeigte mit der Hand zur untergehenden Sonne. „Wenn du keine Zeit hast und laufen willst, dann folge dem Adler in dieser Richtung bis ans Ende der Wüste. Vielleicht findest du ja dort tatsächlich dein Glück und den ersehnten Erfolg.

Wenn du jedoch fliegen willst, dann lerne warten, lerne lauschen, lerne still zu werden wie die Steine hier im Sand. Lerne all deine Masken kennen und dem zu begegnen, der sich dahinter versteckt. Lerne weinen wie ein Kind und lerne zittern, wenn du deine Angst berührst. Erlebe, dass die Angst, dieses fürchterliche Weib mit den harten Augen, wunderbar weich und schön wird, wenn du sie zu umarmen wagst.

Lerne lachen vor Glück, wenn die Morgensonne deine Wangen küsst und der ewige Sand deine Haut streichelt. Lerne brüllen vor Wut, wenn du all das nicht bekommst, was du zu brauchen glaubst und schreien vor Schmerz wegen all dem, was du früher nicht bekamst und wirklich gebraucht hättest. Lerne neben dir zu stehen wie ein Freund, der dir zuschaut bei all deinem Treiben und seinen Arm zärtlich um deine Schultern legt. Und lerne lächeln, aus der tiefsten Tiefe deines Seins lächeln. In diesem Lächeln, das nicht dein Lächeln ist, sondern das milde Lächeln des Universums über sich selbst, liegt die Kraft, die alles Schwere löst und deine Flügel in den Wind hebt. Mit diesem Lächeln wirst du fliegen, hoch über der Wüste, und du wirst sehen, dass der Anfang und das Ende gleich sind und schon immer gleich waren. Ganz weit unten wirst du auch die Angst um dein Geschäft bemerken, und du wirst fühlen, dass es nichts gibt außer diesem einen unendlichen Augenblick des Fliegens.“

Der Alte schwieg, und der Geschäftsmann, der kein Geschäftsmann mehr war, sah, dass er lächelte.

 
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